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Unternehmenskultur & Diversity – Wie wichtig sind geteilte Werte?

Posted in Employer Branding, Organisationsentwicklung, Recruiting, and Unternehmenskultur

20:00 Uhr – DĂ©jĂ -vu in der Tagesschau: Wir beobachten die steigenden, sinkenden oder stagnierenden Neuinfektionen und TodesfĂ€lle im Zusammenhang mit Covid-19-Erkrankungen. Wird das Ziel, die Fallzahlen zu senken, durch die tĂ€glichen Reports erreicht? Sicherlich nicht. Da helfen nur KontaktbeschrĂ€nkungen, Hygienemaßnahmen, Tests und Impfungen. Die abendliche Statistik ist ein Ritual: Sie ist eigentlich ĂŒberflĂŒssig zur Zweckerreichung, erfĂŒllt aber soziale Funktionen. Sie legitimiert die Maßnahmen zur BekĂ€mpfung der Pandemie, stellt einen Durchhalte-Appell an die Bevölkerung dar und vermittelt ein GefĂŒhl von Kontrolle. Ganz Ă€hnlich funktionieren viele regelmĂ€ĂŸige Reports und Meetings in Unternehmen.

Heute geht es um das Thema Unternehmenskultur, und dazu begeben wir uns in das spannende Reich von Kulturwissenschaftlern und Anthropologen, aus deren Disziplin der Begriff ursprĂŒnglich stammt. Zahlen, Daten, Fakten werden unter dem Blick von Wissenschaftlern zu Ritualen, UnternehmensfĂŒhrer zu Helden und der Businessanzug zum Symbol. Das hört sich alles merkwĂŒrdig fĂŒr euch an? Dann gehört ihr bestimmt zu einer anderen Berufsgruppe und habt soeben einen kleinen Kulturschock erlitten. 

Oft rĂŒckt die corporate culture erst in den Fokus, wenn ein Unternehmen auf interne oder externe VerĂ€nderungen reagieren muss, schnell wĂ€chst, verschiedene Unternehmenskulturen im Zuge von Mergers & Acquisitions aufeinandertreffen oder Compliance-VerstĂ¶ĂŸe sichtbar werden. Doch was ist Unternehmenskultur eigentlich genau? Und wie lĂ€sst sich das oft auf HomogenitĂ€t und gemeinsame Werte bezogene Konzept mit Forderungen nach Diversity vereinbaren, einem Konzept, das gerade HeterogenitĂ€t fördern will und die Vielfalt der Belegschaft als Potential begreift?

Unternehmenskultur: Was ist das eigentlich?

Der „weiche“ Faktor Unternehmenskultur gilt heute als Wettbewerbsvorteil, da er nur schwer von Mitbewerbern kopiert werden kann. Berater haben das Thema fĂŒr sich entdeckt, Kultur “manage-bar” gemacht und mit harten Erfolgsfaktoren verknĂŒpft. Kaum einer weiß noch, wo das Konzept ursprĂŒnglich herkommt.

Es gibt kein Unternehmen ohne Unternehmenskultur, auch wenn sie nicht in allen Organisationen explizit eine Rolle spielt. Kultur entsteht immer dann, wenn eine Gruppe von Menschen ĂŒber einen bestimmten Zeitraum oder wiederholt zusammenarbeitet, gemeinsam etwas erlebt oder erlernt. Im zeitlichen Verlauf setzen sich bei sozialen Gruppen erfolgreiche Denk- und Verhaltensmuster durch. Es wird internalisiert „wie man hier etwas macht“ und durch Wiederholung verfestigt. So entstehen formale AblĂ€ufe, Rollen, Normen, Werte, Sprachregelungen, Vorgehensweisen, ErzĂ€hlungen ĂŒber erfolgreiche Organisationsmitglieder, die teilweise auch als Sollkultur in Dokumenten niedergeschrieben und bewusst kommuniziert werden. Unter der sinnlich beobachtbaren OberflĂ€che lebt das ĂŒberwiegend unbewusste, weniger formelle, kulturelle Wissen der Gruppe, das allerdings die Entscheidungen im Unternehmensalltag nachhaltig beeinflusst. Was in dem einen Unternehmen als „richtiges“ FĂŒhrungsverhalten gilt, kann im nĂ€chsten „zu soft“ oder auch „unmenschlich“ sein. Oft machen wir uns unsere eigene Kultur erst bewusst, wenn ihre Annahmen im Kontakt mit anderen kulturellen Auffassungen in Frage gestellt werden. 

Kulturmodelle: Kultur ist vielschichtig

Das Konzept der Unternehmenskultur geht auf den Kulturbegriff der Kulturanthropologie zurĂŒck. Daher sind Beschreibungen und Definitionen auch stark durch die Begriffe des Wissenschaftszweigs und seiner sozialwissenschaftlichen Nachbardisziplinen geprĂ€gt. Wir stoßen plötzlich auf Mythen, Helden und Artefakte â€“ was sich in der Welt der betriebswirtschaftlichen Fakten ein bisschen nach Fantasy anhört. Der anthropologische Kulturbegriff ist sehr umfassend, da er aus der ursprĂŒnglichen Abgrenzung von Natur und Kultur stammt. Er ist zudem wertneutral, d.h. er steht nicht unbedingt fĂŒr Verfeinerung, Kultiviertheit, geistige und kĂŒnstlerische Leistungen, was im deutschsprachigen Raum oft mitschwingt. Der Begriff Unternehmenskultur ist auch nicht mit dem Arbeitsklima oder der ArbeitsatmosphĂ€re gleichzusetzen, die sie nur als Teilaspekt hervorbringt.

Das Drei-Ebenen-Modell von Edgar Schein

Eine der bekanntesten Definitionen fĂŒr Kultur geht auf den Organisationspsychologen Edgar Schein zurĂŒck (Organisationskultur und Leadership). Er unterscheidet drei Ebenen von Kultur, die sich hinsichtlich ihres Grades an Sichtbarkeit und Erfahrbarkeit fĂŒr außenstehende Beobachter unterscheiden. Die oberste Ebene bilden die offensichtlichen, an der OberflĂ€che liegenden Artefakte. Darunter liegen auf Ebene zwei die bewusst gewĂ€hlten Werte, Normen und Regeln. Auf der dritten Ebene befinden sich schließlich die grĂ¶ĂŸtenteils unbewussten, grundlegenden Überzeugungen und Werte, die Schein auch als „kulturelle Essenz“ oder „kulturelle DNA“ bezeichnet. Mit diesem Modell lassen sich fĂŒr Schein alle Arten kultureller PhĂ€nomene beschreiben. 

Übertragen auf Unternehmenskulturen zĂ€hlen zu den Artefakten z.B. der Unternehmensjargon, Verhaltensweisen zwischen Mitarbeitern unterschiedlicher Hierarchien, Meetings, Raumkonzepte, Dresscodes, Organisationsprozesse- und
-strukturen sowie deren Darstellungen, Technologien, Geschichten ĂŒber Organisationsmitglieder, Feiern, informelle Netzwerke, aber auch Dokumente ĂŒber Werte und Regeln. Die Artefakte können die Werte und Normen der darunter liegenden Schichten widerspiegeln. Ihre eigentliche Bedeutung kann aber auch lĂ€ngst vergessen worden sein oder ihnen sogar widersprechen. Die richtige Interpretation der Artefakte setzt immer Insiderwissen voraus.

Die bewusst gewĂ€hlten Überzeugungen und Werte finden sich bei Unternehmen oft auf der Schauseite der Organisation. HĂ€ufig werden sie (als Artefakte) niedergeschrieben und z.B. auf der Website veröffentlicht. Sie bilden die Unternehmensphilosophie oder
-ideologie und erklĂ€ren, warum in der Organisation etwas so gemacht wird, wie es gemacht wird. Hierzu gehören z.B. ausformulierte Verhaltensnormen, CSR-Richtlinien, Mission-Statements, der Code of Conduct, der Purpose, die Employee Value Proposition, aber auch mĂŒndliche Äußerungen ĂŒber Werte. Sie beschreiben die Sollkultur, ihre expliziten Wertvorstellungen, PrioritĂ€ten und Standards und sind damit Wegweiser fĂŒr gewĂŒnschtes Verhalten, auch im Zuge angestrebter Kulturwandel. Sie sagen allerdings noch nichts darĂŒber aus, in welchem Umfang die Werte bei den Organisationsmitgliedern bekannt sind oder tatsĂ€chlich gelebt werden. Man wird auf dieser Ebene vor allem Werte finden, die innerhalb der jeweiligen Makrokultur eine positive Konnotation haben.  

Die tiefste Schicht, und damit den Kern einer Kultur, bilden die unbewussten Grundannahmen, die von den Organisationsmitgliedern nur selten hinterfragt werden. Sie prĂ€gen stark die Wahrnehmung, die GefĂŒhle und das Denken. Dazu zĂ€hlen zum Beispiel Annahmen darĂŒber, wie zwischenmenschliche Beziehungen ĂŒber verschiedene Hierarchiestufen oder unter Kollegen aussehen sollen (z.B. NĂ€he – Distanz), Auffassungen ĂŒber Geschlechterrollen, Raum und Zeit. Auch hier gilt, dass sie mit den darĂŒber liegenden Schichten ĂŒbereinstimmen oder ihnen auch widersprechen können. Zum Beispiel kann Chancengleichheit von Frauen zwar explizit gewĂŒnscht sein, implizite Annahmen ĂŒber Geschlechterrollen (wer will Karriere machen oder sich bald der Familie widmen) oder gutes FĂŒhrungsverhalten (Bevorzugung eines maskulinen Habitus) Aufstiegschancen aber verhindern. Auf dieser Ebene entscheidet es sich, wer in das Unternehmen passt, wer die Karriereleiter nach oben klettert, warum es das Unternehmen gibt, wie AblĂ€ufe organisiert werden, was Vorrang hat, ob das Umfeld als freundlich oder feindlich wahrgenommen wird, ob Wettkampf oder Kooperation belohnt werden. Wer innerhalb eines Unternehmens Diversity und Inclusion fördern möchte, sollte diese tiefe Kulturschicht daher gut unter die Lupe nehmen. Wie die drei Ebenen zu einander im VerhĂ€ltnis stehen, habe ich hier schon einmal beschrieben. 

Geert Hofstede: Werte und Praktiken – Software Of The Mind

Auch im Kulturmodell des Kulturwissenschaftlers und Sozialpsychologen Geert Hofstede sind nicht alle Kulturelemente in gleichem Maße von außen erkennbar. Zur Veranschaulichung nutzt er das Bild einer Zwiebel, wobei der innere, emotionale Kern von den Werten gebildet wird. Nach außen folgen dann – Ă€hnlich der Artefakte bei Schein – die Zwiebelschichten Rituale, Helden und Symbole, die er als Praktiken zusammenfasst. Sie können von Außenseitern der Kultur beobachtet, aber nur von kulturellen Insidern leicht gedeutet werden. Zu den Symbolen zĂ€hlen Dresscodes, Frisuren, Sprache, Gerichte, Statussymbole, Technologien. Sie verĂ€ndern sich im zeitlichen Verlauf schnell und können von Mitgliedern anderer Kulturen aufgrund ihrer OberflĂ€chlichkeit leicht kopiert werden. Helden sind Vorbilder, die lebendig, tot, real oder fiktiv sein können und eine hohe WertschĂ€tzung innerhalb einer Kultur erfahren. Rituale sind Handlungen, die eigentlich ĂŒberflĂŒssig sind, um bestimmte Ziele zu erreichen. Sie haben in einer Kultur aber einen sozialen Nutzen und symbolische Bedeutung. 

Den Kern einer Kultur bilden die Werte, die wir wĂ€hrend unserer ersten 10-12 Lebensjahre, vor allem unbewusst, in unserer sozialen Umgebung wie Familie, Nachbarschaft und Schule erlernen. Sie werden oft als Gegensatzpaare erlernt (z.B. gut / böse). In spĂ€teren Lebensphasen lernen wir bewusster und ĂŒberwiegend nur noch Praktiken. Da Werte so frĂŒh im Leben erworben werden, sind sie uns oft gar nicht bewusst. Sie können nur schwer diskutiert werden, weil hierfĂŒr die eigenen Motive, GefĂŒhle und Tabus an die OberflĂ€che gebracht werden mĂŒssen. Die erworbenen Werte bestimmen unser Denken, FĂŒhlen und Handeln, wie wir tendenziell in bestimmen Situationen reagieren oder Sachverhalte bewerten. Geert Hofstede spricht daher auch von Kultur als â€žSoftware Of The Mind“, auch wenn die mentale Programmierung unser Verhalten nicht 1:1 vorherbestimmt (Cultures and Organizations. Software of the Mind, 2010).

Durch ihre gemeinschaftliche Programmierung des Geistes unterscheiden sich Gruppen oder Kategorien von Menschen von anderen. Außenstehende können die Werte eines Kollektivs nur aus dem beobachtbaren Verhalten ableiten und nicht direkt erkennen. Die in der Kindheit erworbenen Werte zu verĂ€ndern, ist schwierig, da Menschen die erlernten GefĂŒhls-, Handlungs- und Denkmuster zunĂ€chst verlernen mĂŒssen, bevor sie neue erlernen können – und das gestaltet sich mĂŒhsamer, als etwas gĂ€nzlich Neues zu lernen. Da Eltern dazu neigen, ihre eigene Erziehung zu reproduzieren, auch wenn sie es vielleicht gar nicht wollen, verĂ€ndern sich Werte innerhalb einer Gesellschaft nur langsam und ĂŒber Generationen.

Unternehmenskultur und Makrokultur

Geert Hofstede beschĂ€ftigte sich zunĂ€chst mit der Frage, wie sich nationalkulturelle Unterschiede innerhalb des gleichen Unternehmens manifestieren. Ende der 1960er Jahre fĂŒhrte er eine empirische Studie unter IBM-Mitarbeiter*innen aller Nationen durch, in denen das Unternehmen eine Niederlassung hatte. Daraus entwickelte er ein vergleichendes Kulturmodell mit 4 Dimensionen, das er im Zuge weiterer Forschungsarbeiten auf 6 Dimensionen erweiterte (Individualismus versus Kollektivismus, Machtdistanz, MaskulinitĂ€t versus FemininitĂ€t, Unsicherheitstoleranz, kurzfristiges versus langfristiges Denken, Genuss versus ZurĂŒckhaltung). Anhand dieser sechs Dimensionen verglich er die kulturellen Unterschiede und Gemeinsamkeiten von ĂŒber 90 Nationen und bildete pro Dimension Cluster Ă€hnlicherer und unterschiedlicherer LĂ€nder.

Um das PhĂ€nomen Unternehmenskultur zu untersuchen, fĂŒhrte Hofestede dann spĂ€ter auch eine vergleichende Studie unterschiedlicher Unternehmen durch, die der gleichen bzw. einer Ă€hnlichen Nationalkultur (Niederlande und DĂ€nemark) angehörten. Die Untersuchung ergab, dass die Werte der Mitarbeiter*innen sich viel stĂ€rker nach Geschlecht, Alter, Bildung, NationalitĂ€t, ethnischen Zugehörigkeit etc. unterschieden, als nach ihrer Organisationszugehörigkeit. Dies liegt daran, dass Organisationen ein gĂ€nzlich anderes soziales System als die sie umgebenden Makrokulturen bilden. Wir wachsen nicht in ihnen auf, können in gewissem Maße selber ĂŒber Eintritt und Austritt entscheiden und sind auch nur wĂ€hrend der Arbeitszeit ein Teil von ihnen. Da wir unsere Basiswerte bereits in den ersten Lebensjahren erwerben, sind Unternehmenskulturen im Gegensatz zu Nationalkulturen weit weniger durch Werte, sondern viel stĂ€rker durch die fĂŒr Außenstehende leichter zu ĂŒbernehmenden Praktiken geprĂ€gt. 

Allerdings können Organisationen durch unterschiedliche nationalkulturelle Werte der sie umgebenden Makrokulturen geprĂ€gt sein, und zwar zum einen ĂŒber die verschiedenen KulturtrĂ€ger*innen, die in ihnen arbeiten, aber auch ĂŒber Management- und Organisationstheorien, die ihrem Aufbau und tĂ€glichen Praktiken (oft unbewusst) zugrunde liegen und von Autor*innen und Wissenschaftler*innen verfasst wurden, die selbst Kinder einer bestimmten Zeit, gesellschaftlicher Werte und wissenschaftlicher Paradigmen waren. Diese impliziten, manchmal aber auch expliziten Werte entscheiden z.B. ĂŒber das Ausmaß, in dem es ein GefĂ€lle an Macht und AutoritĂ€t zwischen unterschiedlichen Mitgliedern geben darf (Dimension Machtdistanz), in welchem Umfang Regeln und Prozesse definiert und eingehalten werden mĂŒssen und AmbiguitĂ€t toleriert werden kann (Dimension Unsicherheitstoleranz). Sie beeinflussen auch unser Denken ĂŒber die Menschen in der Organisation (z.B. ĂŒber Zuschreibungen auf Basis von Geschlechterrollen oder ob das Individuum oder die Gemeinschaft im Vordergrund stehen sollte). 

Die kulturellen Werte, durch die das Unternehmen geprĂ€gt ist, wirken u. a. auf die VergĂŒtungssysteme (z.B. Belohnung von Team- oder Individualleistung), Planung & Controlling, die Vorstellungen darĂŒber, was gute FĂŒhrung ausmacht (z.B. Kooperation und Bescheidenheit oder Leistungsorientierung und Durchsetzungsvermögen), wie Leistung bewertet wird, wie und ob Kritik (auch gegenĂŒber Vorgesetzten) geĂ€ußert werden darf.

KulturtrÀger*innen: Kultur und Individuum

Definitionen von Kultur und Unternehmenskultur bleiben oft etwas schwammig. Das ĂŒberrascht nicht, handelt es sich bei Kultur doch um ein vielschichtiges, kollektives PhĂ€nomen. Wird Kultur untersucht, handelt es sich immer um eine Schnittmenge mehrerer Individuen mit mehr oder weniger gemeinsamen oder unterschiedlichen kulturellen PrĂ€gungen, IdentitĂ€ten, aber auch individuellen Persönlichkeitsmerkmalen.

Kultur ist immer erlernt und nicht durch unsere Gene vorbestimmt. Wo genau die Grenze zwischen der universellen menschlichen Natur, der erlernten Kultur einer sozialen Gruppe oder Kategorie und der Persönlichkeit des Einzelnen liegt, ist nicht eindeutig und bei Wissenschaftler*innen umstritten. Auf der Ebene des Individuums treffen auf jeden Fall verschiedene EinflĂŒsse zusammen: Wir sind Teil der menschlichen Spezies. Im Laufe unseres Lebens mĂŒssen wir unseren Platz in verschiedenen sozialen Gruppen mit unterschiedlichen kulturellen Spielregeln finden. Wir besitzen eine Persönlichkeit, die teilweise angeboren und teilweise erworben ist, und zwar sowohl in AbhĂ€ngigkeit von persönlichen Erfahrungen als auch beeinflusst von den uns umgebenden kulturellen Rahmenbedingungen. 

Unternehmenskultur lebt und entwickelt sich durch die Menschen, die in den Organisationen arbeiten. KulturtrĂ€ger*in ist grundsĂ€tzlich jedes Mitglied der Gruppe. GrĂ¶ĂŸeren Einfluss auf die Unternehmenskultur haben aber das Top-Management und die FĂŒhrungskrĂ€fte durch ihre Vorbildfunktion und die Möglichkeit, die Bedingungen fĂŒr kulturell „richtiges“ oder „falsches“ Verhalten zu schaffen und dieses entsprechend zu sanktionieren. Menschen planen innerhalb von Unternehmen auch ihre Karrieren. Daher passen sie ihre Verhaltensweisen an erfolgreiches Verhalten an, worauf der Organisationssoziologe Tom Burns bereits Anfang der 60er Jahre hingewiesen hat. Hier liegt auch eine der Gefahren fĂŒr einen ungeplanten Kulturwandel – wenn das FĂŒhrungsverhalten einer neu eingestellten FĂŒhrungskraft nicht zur Wunschkultur passt und statt Kooperation z.B. Wettbewerb fördert.

In der GrĂŒndungsphase von Unternehmen wird die Kultur maßgeblich durch die GrĂŒnder*innen geprĂ€gt, die ihre eigenen bewussten oder unbewussten Annahmen und Erfahrungen mitbringen. Wenn man eine Unternehmenskultur verstehen will, ist es daher oft hilfreich, sich mit der Entstehungsgeschichte zu beschĂ€ftigen. Aber auch eine Krise, Joint Ventures oder ein FĂŒhrungswechsel an der Spitze eines reiferen Unternehmens können einen Kulturwandel auslösen. 

Trotz der grĂ¶ĂŸeren Einflussmöglichkeiten des Managements kann auch ein normales Organisationsmitglied â€“ vorausgesetzt sein neuartiges Verhalten ist erfolgreich (z.B. Prozessverbesserung) und setzt sich in der Gruppe durch – Einfluss auf die Kultur der Gruppe nehmen. Je nach Unternehmenskultur wird das wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher sein. Gibt es z.B. ein betriebliches Vorschlagswesen, durch das die Mitarbeiter*innen Ideen einbringen können? Dann kann auch ein „kleines RĂ€dchen“ ggf. zu wichtigen Innovationen beitragen. Der einzelne Mitarbeiter ist also immer zugleich Subjekt und Objekt der ihn umgebenden Kultur. Er wird von ihr mehr oder weniger geprĂ€gt, gibt sie an neue Mitglieder weiter und kann sie auch selbst beeinflussen.

Diversity & Subkulturen

Jeder Mensch ist einzigartig und macht die uns umgebende Gesellschaft vielfĂ€ltiger. Der Begriff Diversity, ĂŒber den ich in meinem letzten Blogeintrag geschrieben habe, bezieht sich dabei auf alle Arten von Merkmalen, sichtbare oder unsichtbare, angeborene oder sozial erworbene, die durch Unterschiede und Gemeinsamkeiten gekennzeichnet sind. Sie sind miteinander verwoben und ĂŒberlagern sich. Zu den PrimĂ€rdimensionen von Vielfalt, die eine gefĂŒhlsmĂ€ĂŸige Verbundenheit und Zuschreibung von außen zu bestimmten Gruppen oder Kategorien von Menschen begrĂŒnden können, zĂ€hlen das Geschlecht, das Alter, die soziale und ethnische Herkunft und NationalitĂ€t, Weltanschauung/Religion, die sexuelle Orientierung sowie die körperliche und psychische Verfassung. Im Unternehmenskontext können auch SekundĂ€rdimensionen identitĂ€tsstiftend wirken, wie z.B. der Familienstand, die Abteilungszugehörigkeit, Ausbildungshintergrund und Berufsgruppe, Hierarchien oder die Art des VertragsverhĂ€ltnisses (intern, extern, Teilzeit, Vollzeit).

Der Einzelne kann verschiedene IdentitĂ€ten ausbilden und mehreren Gruppen und Kategorien zur gleichen Zeit angehören, z.B. weißer, protestantischer Mann der Generation X mit mittlerem Bildungsniveau, lĂ€ndlicher Herkunft und AnhĂ€nger eines bestimmten Fußballteams. Innerhalb einer Organisation kann er eine IdentitĂ€t als FĂŒhrungskraft, Mitarbeiter und HR Manager ausbilden. IdentitĂ€ten können sich im Laufe des Lebens einer Person verĂ€ndern. Sie sind in der Regel explizit und rĂŒcken je nach Kontext in den Vorder- oder Hintergrund. 

Nach Hofstede beruhen IdentitĂ€tsunterschiede hĂ€ufig auf Praktiken und nicht unbedingt immer auf Werten. Auch Gruppen mit Ă€hnlichen Werten können unterschiedliche IdentitĂ€ten ausbilden und darĂŒber miteinander in Konflikt treten. Basiswerte, die wir frĂŒh im Leben erwerben, und die nur schwer verĂ€nderbar und hinterfragbar sind, betreffen vor allem das Geschlecht, die Kultur des Landes, in dem wir aufwachsen, die ethnische Zugehörigkeit sowie Religion/Weltanschauung. Kulturschichten, die spĂ€ter im Leben erworben werden, lassen sich leichter verĂ€ndern. Zum Beispiel könnte der HR Manger aufgrund einer spĂ€t entdeckten Liebe zu Zahlen (klingt an den Haaren herbeigezogen, gibt es aber bestimmt) zum Controller umschulen und neue, berufsspezifische Helden, Symbole und Rituale ĂŒbernehmen.

Je grĂ¶ĂŸer und internationaler ein Unternehmen ist, desto vielfĂ€ltiger und heterogener ist in der Regel auch die Mitarbeiterstruktur. Im Laufe der Zeit können sich Subkulturen entlang von Berufsgruppen, Standorten, informellen Netzwerken, Betriebszugehörigkeiten, Hierarchieebenen, ethnischen Gruppierungen, Geschlechtern oder Generationen bilden. 

Unternehmenskultur: Gemeinsame IdentitĂ€t ĂŒber Praktiken

ZurĂŒck zu unserer Ausgangsfrage: Wie viel HeterogenitĂ€t darf es innerhalb von Unternehmen geben? Wie wichtig sind gemeinsame Werte der Belegschaft? Kann die Unternehmenskultur bei so viel HeterogenitĂ€t ĂŒberhaupt noch als „Kitt“ dienen, der alles zusammenhĂ€lt, die Mitarbeiter auf die Unternehmensziele ausrichtet oder sogar Sinn vermittelt? Die Antwort liegt im Begriff â€žWerte“, der mit ganz unterschiedlicher Bedeutung verwendet wird. Nach Hofstede mĂŒssen nicht alle Organisationsmitglieder ihre (Basis)-Werte teilen. Zwar prĂ€gen die Werte der GrĂŒnder*innen oder einflussreicher FĂŒhrungskrĂ€fte in der Regel die Organisationskultur, aber nicht, weil die Mitarbeiter*innen deren Werte ĂŒbernehmen. Die Unternehmenskultur wird vielmehr ĂŒber die Etablierung gemeinsamer Praktiken (Symbole, Helden, Rituale) gestaltet. Auch interkulturelle Teams, deren Mitglieder durch unterschiedliche Makro-Kulturen oder andere frĂŒh erworbene Kulturschichten geprĂ€gt sind, können daher ĂŒber gemeinsame Praktiken funktionieren und eine gemeinsame GruppenidentitĂ€t entwickeln. 

Diversity kann einen Mehrwert fĂŒr Unternehmen stiften, wenn diese die Potentiale einer vielfĂ€ltigen Belegschaft strategisch nutzen. Um Diversity im Unternehmen zu verankern, muss eine Unternehmenskultur etabliert werden, die Vielfalt möglich macht, wahrnimmt und wertschĂ€tzt. Folgt man dem Kulturmodell von Geert Hofstede heißt das, vor allem die Praktiken zu gestalten: Symbole, Helden und Rituale mĂŒssen sich durch Aufgeschlossenheit, Inklusion, Toleranz, Respekt und Fairness gegenĂŒber Vielfalt auszeichnen. Bei Edgar Schein setzt der kulturelle Wandel im ersten Schritt bei der Bewusstmachung von Diversity als „Wert“ auf der 2. Ebene des Kulturmodells an. Dies reicht jedoch nicht aus. Es sollten auch passende Artefakte entwickelt und Hemmnisse, die auf der 3. Ebene der unbewussten Grundannahmen liegen, beseitigt werden. 

Wie divers ein Unternehmen im Hinblick auf seine Mitarbeiter aufgestellt ist, entscheidet sich in großen Teilen ĂŒber die Personalauswahlprozesse und die ihnen zugrunde liegenden Auswahlkriterien. Auf der anderen Seite wird es trotz der grundsĂ€tzlichen Anpassungs- und LernfĂ€higkeit der Menschen fĂŒr den Einzelnen immer Unternehmen geben, in denen er sich wohler oder unwohler, passender oder unpassender fĂŒhlt, bessere oder schlechtere Entwicklungschancen hat. Im nĂ€chsten Beitrag auf diesem Blog geht es daher um den „Cultural Fit“ in der Fremd- und Selbstauswahl im Recruiting sowie die Frage, ob Kultur eigentlich messbar ist.

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